15 March 2006

Stammzellenforschung in der EU

Um 12:00 Uhr am heutigen Mittwoch lief die Frist zur Einreichung von Änderungsanträgen zum 7. Forschungsrahmenprogramm. Der Entwurf der Kommission war zwar sehr gut, dennoch habe ich ein paar Änderungsanträge eingereicht. Einer der Hauptanträge betraf die Embryonaler Stammzellenforschung.
Zusammen mit der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) habe ich einen Antrag erarbeitet, der die Förderung embryonaler Stammzellenforschung nicht ausschließt, gleichzeitig aber durch eine Stichtagsregelung den Schutz des ungeborenen Lebens darstellt. Das ist ein guter Kompromiss für den sich hoffentlich eine große Mehrheit findet.
Außerdem habe ich einen Antrag eingereicht der
das EIT finanziell in das 7. Forschungsrahmenprogramm einbindet.
Auffällig ist auch, dass der Name 7. Forschungsrahmenprogramm sehr mühsam zu schreiben und zu sprechen ist. Deswegen, und weil es sich m ein bedeutendes finanzielles Projekt der EU handelt habe ich mich auch für eine Namensänderung eingesetzt. Als Vorschlag habe ich drei Namen eingereicht: Kopernikus, Archimedes und Einstein. Ich bin gespannt für welchen Namen sich das Parlament entscheiden wird. Alles drei sind große Namen, die dem Programm den nötigen Glanz verleihen könnten.

22 February 2006

EIT nicht MIT

Bei einem Interview, daß ich gestern der taz gegeben habe hat sich herausgestellt, dass noch nicht ganz klar ist was das EIT eigentlich bedeutet. Es geht dabei nicht um die Gründung einer neuen Universität im Stil des MIT, sondern um die Schaffung eines Netzwerk. Dieses Netzwerk soll die Arbeit der bereits bestehenden Technologieplattformen koordinieren und den Focus auf Innovation lenken. Außerdem soll durch geringen Verwaltungsaufwand dafür gersogt werden, dass auch kleine und Mittelständische Unternehmen von dieser Plattform profitieren.

Forschungsprojekte gibt es viele. Was fehlt ist Innovation. Dafür soll das EIT sorgen. Nur so können wir sicherstellen, dass sich Spitzenforschung in Europa weiter lohnt.

07 February 2006

Ist die Politik des Kartellamts noch zeitgemäß?

Im Zuge der geplanten Übernahme des Fernsehsenders Pro Sieben SatI. durch den Springer Konzern ist überdeutlich geworden, dass die Arbeit des Kartellamts den Interessen eines liberalen Wettbewerbs nicht entspricht. Das Urteil stellt einen nicht unerheblichen Eingriff in private Eigentumsrechte dar.
Dadurch bestätigt sich die Annahme, dass die Vorgehensweise des Kartellamts im Zuge des durch die Globalisierung wachsenden Wettbewerbs zu einem Standortnachteil führt. Wie man an Beispielen anderer Firmen, z.B.: IBM, General Motors u.a., sehen kann, bedarf es nicht eines Kartellamts, sondern nur des freien Wettbewerbs, um "Marktbeherrschende Stellungen" zu durchbrechen. Das Kartellamt sollte in Zukunft zurückhaltender entscheiden.
Genauer nachzulesen Im Artikel "Das Kartellamt kommt unter Beschuß" in Der FAS vom 5.2.2006

30 January 2006

EU-Gelder für Palästina stoppen!

Am Rande des Landesparteitages der FDP-Saar habe ich mich gemeinsam mit dem FDP-Generalsekretär Dirk Niebel dafür ausgesprochen, die EU-Mittel an Palästina vorerst zu streichen. Nach dem Wahlsieg der radikalen Hamas drohe jetzt eine Eskalation im Verhältnis zu Israel. Solange sich die Hamas als neue regierende Kraft in Palästina nicht an die Regeln des internationalen Rechts hält, hat sie keinen Anspruch auf EU-Mittel! Die Extremisten müssen sehr rasch mit der Realität konfrontiert werden, daher muss die EU die Zahlungen sofort einstellen.

25 January 2006

Hat Marty Recht mit seinem Bericht?

Der Ermittler des Europarats, Dick Marty, hat in Straßburg einen ersten Zwischenbericht zu den mutmaßlichen CIA-Gefängnissen in Europa vorgelegt. Darin heißt es, derzeit gebe es keine formalen, unwiderlegbaren Beweise für die Existenz solcher geheimen Haftanstalten der CIA in Rumänien, Polen oder anderen Ländern. Marty spricht aber von Indizien für mehr als 100 Entführungen, von denen europäische Regierungen gewußt haben sollen. Die Regierungen blocken ab, sagte Marty schon vor wenigen Tagen bei einer Pressekonferenz in der Schweiz. Nur soviel ist dem Schweizer Sonderermittler inzwischen klar:

"Es ist davon auszugehen, dass bis zu 150 Personen verschleppt worden sind. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass da Leute gekidnappt und von einem Flughafen zum anderen gebracht wurden, ohne dass unsere Geheimdienste etwas davon wussten."

Laut dem Sprecher des US-Außenministeriums McCormack brächten die USA aber keine Gefangenen in Länder, wo damit gerechnet werden müsse, dass sie gefoltert werden könnten. Der Bericht Martys enthalte keine Neuigkeiten. Es handle sich um alte Berichte, die in einer neuen Rhetorik aufbereitet worden seien.

Nach Angaben Martys wurden dem Europarat am Montag Daten der europäischen Agentur für Luftsicherheit Eurocontrol und Luftaufnahmen des EU-Satellitenzentrum übermittelt. Diese Dokumente müssten nun ausgewertet werden. Ein Untersuchungsausschuss scheint mir in dieser Frage jedenfalls nicht der richtige Weg zu sein.

16 January 2006

Weniger Benzin im Tank durch EU-Richtlinie?

Durch eine neue EU-Richtlinie droht den 43 Millionen deutschen Autofahrern eine versteckte Preiserhöhung für alle Kraftstoffe- so meldet es der Großteil deutscher Medien. Dies ist aber irreführend und beispeilhaft für die zunehmend antieuropäische Berichterstattung in den Medien, von Tagesschau bis Bild.

De facto hat es Deutschland selbst in der Hand, ob durch die Eichrichtlinie der EU Benzin teurer wird oder nicht. Wie auch bei anderen Richtlinien gibt Europa nur den Rahmen vor, in dem gehandelt werden muss. Die Bundesregierung kann dann selbst entscheiden, ob sich für Deutschland etwas ändert oder es bei der derzeitigen Regelung bleibt. Die Richtlinie soll garantieren, dass es beim Tanken keine großen Schwankungen mehr zwischen der tatsächlich getankten Menge Benzin und der an der Zapfsäule angezeigten Menge gibt. Die Schwankungsbreite darf danach maximal bei 1% liegen. In einigen EU Staaten lag sie bisher deutlich darüber. Das heißt, deutsche Urlauber haben im Ausland für Benzin mehr bezahlt, als sie tatsächlich bekommen haben. Dass ab Oktober EU weit die 1%Regelung gilt, heißt nur, dass die Schwankungen beim Tanken nicht mehr größer sein dürfen, sehr wohl aber kleiner- wie es bishe der Fall war. So wie es bei uns in Deutschland bisher auch der Fall ist. Die Bundesregierung ist aufgefordert, diese deutsche Genauigkeit durch entsprechende Bestimmungen auch weiter zu garantieren.

Noch hat Europa die Globalisierung nicht verloren

Noch hat Europa die Globalisierung nicht verloren: es muss aber dringend alles getan werden um Arbeitsplätze in Europa zu halten. In der FAZ ist hierzu ein lesenswerter Artikel.

Fünf Jahre lang haben die MIT-Wissenschaftler Interviews geführt und mit den Vorständen von 500 Unternehmen in Ostasien, Europa und Amerika gesprochen. Das Ergebnis relativiert die gängigen Globalisierungsmythen: Dell, Apple, Lenovo/IBM sind nur eine Spielart der neuen Lego-Wirtschaft. Tradition und Fertigungsgewohnheiten zählen für unternehmerische Entscheidungen mehr, als viele denken. Sony, eines der vielen Gegenbeispiele, hält bis heute erfolgreich daran fest, Playstation und vieles andere nur in Fabriken herzustellen, die zu hundert Prozent Sony gehören. Samsung, der koreanische Elektronikkonzern, macht es genauso.


12 January 2006

Ratspräsidentschaft von Österreich

Bei meinem Besuch diese Woche in Wien habe ich die Gelegenheit Gespräche auf höchster Ebene mit der österreichischen Ratspräsidentschaft zu führen. Nachdem die britische Präsidentschaft leider nicht sehr erfolgreich war kann Österreich der EU hoffentlich neue Impulse geben.
Zum Beispiel beim EU-Haushalt, dem noch das Europaparlament und die EU-Kommission zustimmen müssen. Auf der Agenda stehen zudem Maßnahmen zur Förderung von Wachstum, Beschäftigung, Forschung und Technologieentwicklung. Hoffentlich gibt es hier auch konkrete Ansätze! Hierzu wird es an dieser Stelle bei Gelegenheit wieder Neuigkeiten geben. Auch das Thema Verfassungsvertrag soll wieder oben auf die Tagesordnung. Man darf also gespannt sein, bei welchen dieser 2 Schwerpunkte Akzente gesetzt werden können.

05 January 2006

EU streicht ausgerechnet Zukunftsinvestitionen!

Nach dem Finanzkompromiss von Brüssel im Dezember rechnet Brüssel gerade aus, wie viel in den einzelnen Budgettöpfen verbleibt. Dem genaueren Studium der Zahlen folgt nun das böse Erwachen. Die Gelder für die Mittelstands- und Innovationsförderung wurden radikal zusammengestrichen, während beispielsweise die Agrarsubventionen bis 2013 unangetastet bleiben. Statt wie geplant 4,2 Mrd. Euro zur Innovationsförderung stehen nur noch maximal 1,7 Mrd. Euro für die nächsten sieben Jahre zur Verfügung. Gerade deutschen KMU`s müssen mit enormen Abstrichen rechnen: Mittel für Risikokapital oder zinsgünstige Darlehen, wie sie z.B. die Sparkassen oder die Kreditanstalt für Wiederaufbau vergeben konnten, würden mehr als halbiert. Es ist unfassbar! Alle wissen, dass die EU Innovation und Mittelstandsförderung am dringendsten braucht - und gerade hier wird gnadenlos gekürzt.

Auch die Euro-Info Center sind in ihrer Existenz bedroht. Wir haben schon jetzt einen Förderdschungel - wie kann bei diesen Kürzungen gewährleistet bleiben, dass Unternehmen auch weiter fachkundig beraten werden? In Gesprächen mit Vertretern aller politischen Parteien im Europäischen Parlament, sowie den zuständigen Vertretern von Ministerrat und EU-Kommission will ich nun auszuloten, wie das Innovations- und Mittelstandsprogramm "CIP" gerettet werden kann. Ich fliege am kommenden Mittwoch auch nach Wien und werde dem amtierenden EU-Ratspräsidenten und österreichischem Bundeskanzler Wolfgang Schüssel meine Bedenken darlegen.

04 January 2006

Letzte Ausfahrt Hongkong?

Es war gut gemeint: Die Europäer hatten die Idee, die laufende Runde der Welthandelsgespräche zu einer Entwicklungsrunde zu machen. Die Armen und die Ärmsten sollten endlich eingebunden werden in das Wirtschaftswachstum dieser Welt, deren Grundlage nun mal Handel ist. Doch nun hat die EU den „Schwarzen Peter“ in der Hand. Der größte und wichtigste Handelsblock der Welt gilt in Hongkong als Verhinderer und Blockierer. Und nicht nur deswegen, könnten die Europäer in der Rückschau auch zum großen Verlierer dieser Konferenz werden. Bei den entscheidenden Punkten konnten sie sich nicht durchsetzen oder mussten sogar Abstriche machen. Der Reihe nach:

1.Die EU ist der größte Industrieexporteur der Welt. Wer in dieser Position ist, hat normalerweise das Interesse, Märkte für seine Industriegüter zu öffnen und den Wissensvorsprung zu bewahren, der überhaupt erst zur Industrieproduktion führt. Wenn auch das Thema Landwirtschaft in Hongkong an allererster Stelle stand, so wurde es doch immer wieder verknüpft mit den Nicht-landwirtschaftlichen Gütern (NAMA). Für die EU hat es hier keine Fortschritte, wenn nicht sogar Rückschritte gegeben.

2.Im Bereich des geistigen Eigentums in die EU ein wichtiger Spieler auf dem Weltmarkt. In vielen Technologien sind wir Europäer führend und müssen diesen Vorsprung halten, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben oder wieder werden wollen. Hierzu werden die so genannten TRIPS-Gespräche geführt. Aber in Hongkong ging es nicht um Technologietransfer oder Patentschutz, sondern um ein anderes für Europa wichtiges Thema: die geographischen Herkunftsbezeichnungen (GI für Geographical Indications). Herkunftsbezeichnungen wie „Mosel/Saar/Ruwer“ oder „Gorgonzola“ stehen nicht nur für den Ort, aus dem ein bestimmtes Produkt kommt. Sie umfassen auch die Produktionsmethode, in der wiederum ein enormer Anteil geistigen Eigentums steckt. Wegen einer über Jahre hinweg mangelhaften Kommunikation verstehen alle WTO-Verhandlungspartner unter dem Begriff „GI“ nur das Begehr der Europäer, ihre Märkte abzuschotten. Man kann es Missverständnis nennen oder aber schlechte Kommunikation. Fest steht jedenfalls, dass Europa hier in Hongkong gar nichts erreicht hat und isoliert war. Hoffnung macht ein Passus, der auf intensivierte Verhandlungen in einer nächsten Gesprächsrunde verweist.

3.Der Agrar-Bereich ist der größte und für Europa schwierigste Brocken. Hier geht es um Subventionen in Milliardenhöhe, an die lediglich US-Amerikaner und so manche Asiaten heranreichen. Der Rest der Welt, insbesondere Schwellenländer wir Brasilien, Indien oder Australien haben derart vorteilhafte und effiziente Produktionsbedingungen, dass die dort lebenden Landwirte auch ohne Subventionen auf dem Weltmarkt dominieren. Immerhin kann die EU für sich beanspruchen, der größte Importeur von Agrargütern zu sein. Dennoch kam die EU um Reformen des Agrarmarktes nicht herum, was sie in den letzten Jahren auch tat, zuletzt beim Zucker, vorher schon bei der Entkoppelung von Subvention und Produktion. Doch es kam in Hongkong zum Schwur. Die Weltgemeinschaft verlangte ein Enddatum der Europäer für die landwirtschaftlichen Exportsubventionen. Dabei kam insbesondere Frankreich unter Druck, wo sich Präsident Chirac höchstpersönlich für das Thema einsetzt und interessiert. Wie so oft, wenn Paris isoliert ist, kommt es zur Einsicht. Selbst der Franzose Pascal Lamy, früherer EU-Handelskommissar und jetziger WTO-Generalsekretär drängte seinen alten Arbeitgeber und insbesondere sein Heimatland zu einem mutigen Schritt. Mit sanftem Druck der Amerikaner wurde das Datum 2013 nunmehr als Frist zum Auslaufen der Ausfuhrhilfen festgeschrieben. Frankreich ist aus der Schusslinie – zumindest international – und man hat fast den Eindruck, als habe Pascal Lamy, einst ein Schüler des Sozialisten Jacques Delors, seiner französischen Heimat über den Umweg WTO nun doch zu einem Modernisierungsschub verholfen, wenn auch verzögert. Aber die Einsicht ist endlich da, was der Einstieg in eine umfassende Agrarreform in Europa sein könnte.

4.Kritische Worte muss der Verhandlungsstil der Europäer ernten, was zunächst einmal an der Struktur und nicht an den Personen liegt. Durch das Erfordernis, 25 Mitgliedstaaten auf eine Linie zu verpflichten, beginnt in der EU schon sehr früh ein Abstimmungsprozess, der alle möglichen Verhandlungslinien auch für Außenstehende offen legt. Dies führte unter anderem dazu, dass die EU über viele Jahre hinweg etwa die Agrarpolitik reformiert hat – und damit bereits einen Großteil des Verhandlungspulvers verschossen hat. Viel einfacher haben es da die US-Amerikaner, die sich nur mit sich selbst abstimmen müssen und eine bereits ausgesprochene Strafe in Sachen Baumwoll-Subvention als Verhandlungsangebot auf den Tisch legen. Und siehe da: Trotz der durchsichtigen Masche gibt es plötzlich Applaus von allen Seiten. Nicht so bei der EU, die bereits fertige Lösungen statt Versprechungen auf den Tisch legt, aber gerade deswegen als unbeweglich gilt.

5.Überdenkenswert ist auch das Suchen von Partnern. Es waren insbesondere die Europäer, die die Doha-Runde zur Entwicklungsrunde machten. Es sind die Europäer, die mit der Formel „Everything but Arms“ den Ärmsten und Armen die Märkte für alles – außer eben Waffen – geöffnet haben. Es sind die Europäer, die mit ihrer AKP-Politik sich schon seit Jahrzehnten intensiv um Afrika die Karibik und den Pazifik kümmern. Und der Erfolg: Die EU stand in nahezu allen Verhandlungspunkten isoliert da. Da freute man sich schon, wenn man von den USA – so geschehen in der Festlegung auf 2013 als Ende der Agrarsubventionen – wohlwollende Unterstützung bekommt. Wo sind wir eigentlich? Oder aber anders gefragt: Was haben wir bei der Kommunikationsstrategie vor Hongkong falsch gemacht? Einiges, sonst wäre es nicht zum „Isolationsdesaster“ gekommen.

6.Zum Thema Kommunikation gehört auch die Rolle der so genannten Nichtregierungsorganisationen (NGO). Diese Bezeichnung für sie wurde ganz bewusst gewählt, sie vertreten nämlich die Bürgergesellschaft. Denkste! Die anwesenden Demonstranten vertraten entweder extreme – wenn auch wichtige -Partikularinteressen (Rolle des Tierschutzes im Welthandel) oder egoistische Eigeninteressen (koreanische Bauern) oder schlüpften in die Rolle der NGO um knallharte Regierungsinteressen durchzusetzen (Gruppen aus Australien und Brasilien). Nicht nur die Öffentlichkeit reagiert geradezu hysterisch auf diese NGOs – sie sind halt auch besser medial zu verkaufen als Verhandlungsbilder aus einem öden Saal. Hinzu kommt, dass sie sich im Abschlussdokument der WTO befinden, nicht aber die parlamentarischen Vertreter aus mehr als 80 Länder, die parallel zur Regierungskonferenz getagt haben und nach drei Tagen bereits einen abgestimmten Text vorgelegt hatten. Man muss sich fragen, welches Demokratieverständnis mittlerweile herrscht, das den nicht-gewählten und sich teilweise unter zweifelhaften Bedingungen finanzierenden NGOs mehr Raum einräumt, als den demokratisch gewählten Vertretern!

7.Noch was zum Thema Kommunikation: Verhandlungen sind Verhandlungen, das heißt, die Entscheidung ist noch nicht gefunden und fällt am Verhandlungsort. Die Europäer hatten sich hingegen schon Wochen im Vorfeld festgelegt. Sie waren halt stolz auf die bereits erzielten Erfolge, etwa bei der Agrarreform oder der Zuckermarktreform. Freude schützt vor Fehlern nicht. Wo waren die Verhandlungsangebote der EU? Gab es Asse im Ärmel? Beides Fehlanzeige! Hinzu kommt die europäisch-ethische Ablehnung der List. Eine listige Verhandlungsführung gilt bei uns Europäern als etwas Negatives und Anstößiges. Bei den Amerikanern ist das keinesfalls so, sie wollen einen Verhandlungserfolg und der Zweck heiligt da manchmal die Mittel. Bei den Chinesen gar gilt die List – ganz nach Konfuzius – als eine der Weisheit nahe stehende Kunst, sein Ziel zu erreichen. Wir Europäer haben ein Problem, wenn wir uns auch in Zukunft streng bibeltreu und lutherisch verhalten, oder anders gesagt: Luther falsch interpretieren. Oder gilt in Grimms Märchen Hensel etwa als böse, nur weil er der Hexe ein Knöchelchen hinhält und sich damit rettet? Wir brauchen dringend ein rundum erneutertes Konzept europäischer Verhandlungsführung. Dazu gehört auch die Überlegung, ob man wirklich mit 25 Regierungen anreisen muss, oder die Verhandlungsrückkoppelung mit der Kommission nicht doch einer Troika überlässt, die sich je nach Verhandlungsthema auch ändern kann.

8.Mal etwas sehr Positives: Im Vorfeld, aber auch im Nachgang zur WTO-Konferenz fiel die erstaunliche Einheit und Einigkeit der Europäer auf. Nach der Irak-Krise und im „Annus Horribilis“ der Haushaltswirren und gescheiterten Referenden war das eine extrem bemerkenswerte Beobachtung. Und die, obwohl mit Peter Mandelson ein Brite die Agrarinteressen der Franzosen verteidigen musste – und es gut machte. Der Kommission gebührt für ihr Verhalten während der Konferenz großes Lob, verstand sie es doch, die eigene Delegation ständig zu unterrichten und sowohl den Ministerrat als auch das Parlament eng in die Verhandlungen mit einzubeziehen. Lob verdient auch die deutsche Position, die eine vermittelnde zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten war, obwohl alle drei angereisten Minister (Glos, Seehofer, Wieczorek-Zeul), sich die letzten beiden Verhandlungstage ersparten. Vielleicht war es ja sogar ganz gut so!

9.Der große Gewinner der WTO-Konferenz in Hongkong ist China! Zunächst einmal wegen der extrem reibungslosen, kaum zu merkenden Organisation dieser Großveranstaltung. Die Welt konnte sich überzeugen von der Verwirklichung der Formel „Ein Land – zwei Systeme“ und die Hongkonger waren an Freundlichkeit und Effizienz nicht zu übertreffen. Gratulation! Aber auch das große China profitiert von seiner ruhigen Rolle während der Verhandlungen. Zunächst einmal fällt die Parallelität zum Verhalten Chinas im UN-Weltsicherheitsrat auf: Anfangs beobachten, später dann still, aber unumgänglich entscheidend mitwirken. China interessiert sich für das multilaterale System und würde davon profitieren, es braucht es aber nicht unbedingt. Es verfügt nämlich über ein gutes Netz bilateraler Abkommen in der ganzen Welt, die das enorme Wachstum Chinas erst möglich gemacht haben. Was China aber ganz bestimmt nicht braucht, das sind Fortschritte im Feld des geistigen Eigentums, also TRIPS. Als WTO-Mitglied hätte man sich dann nämlich an klarere Regeln zu halten, als das heute der Fall ist. Ein Großteil des Aufstiegs Chinas hat auch damit zu tun, dass Technologie einfach geklaut wird, und der Aufholprozess gegenüber dem Westen so beschleunigt wird. Insofern gilt: Eine lahme WTO ist für China eine gute WTO, jedenfalls zur Zeit.

10.Wie sieht die Post-Hongkong-Strategie aus? Als Europäer fühlen wir uns düpiert und isoliert und zudem noch falsch verstanden, weil wir es doch gut gemeint haben. Was bringt uns das multilaterale System? Einschränkend muss gesagt werden, dass das Hongkonger Abschlussdokument keine rechtlich bindende Wirkung hat und somit wird alles nicht so heiß gegessen, wie es jetzt gekocht wurde. Dennoch ist die Richtung klar, und die spricht nicht für uns Europäer. Die EU hat die meisten bilateralen Abkommen weltweit, wir Europäer haben in vielen Bereichen Sonderinteressen, bei denen der Rest der Welt uns nicht folgt. Bei der Landwirtschaft wurde dies offenbar, besonders deutlich bei den geographischen Herkunftsbezeichnungen. Viel größere Probleme erwarten uns aber beim Thema Umwelt. Das Niveau unserer Umweltgesetzgebung in Europa – nahezu achtzig Prozent aller Regeln kommen aus Brüssel – wird weltweit von niemandem erreicht. Hier drohen uns neue Niederlagen bei künftigen multilateralen Verhandlungsrunden. Wir sollten uns ernsthaft überlegen, ob wir nicht bei bilateralen Verträgen besser fahren. Die TAFTA (Transatlantische Freihandelszone) würde dann wieder zum Thema, das Verhältnis zu China könnte sich noch stärker den Umweltfragen widmen, was auch in unserem europäischen Interesse ist. Manche Staaten verdanken ihren Aufstieg gar unilateralen einseitigen Angeboten – jedenfalls hat uns Hongkong als Staat im Staat eine Kostprobe davon gegeben.